Was heißt hier sicher?

Was ist eigentlich sicher? Und wie kann man Sicherheit erzeugen? Einfache Fragen, die das Leben ganz schön kompliziert machen können.

Mal ehrlich: schnallen Sie sich an? Immer? Und wie war das früher, als Sie noch ein Kind waren? Sind sie damals mit Fahrradhelm gefahren?
Wer heute mit dem Auto fährt, schnallt sich an. Die Zeit der Gurte, die unter Umständen gefährlicher sind als ihre Abwesenheit, ist seit Jahrzehnten vorbei. Außer ein paar Unverbesserlichen haben es heutzutage alle begriffen: Die Dinger retten Leben. Also schnallen wir uns an und haben damit das Unsrige zur Verkehrssicherheit getan. Essen, Rauchen, Trinken, Telefonieren, Streiten, all das hat dem Allgemeinverständnis nach wenig bis nichts mit Verkehrssicherheit zu tun. Bei Alkohol, Medikamenten und Müdigkeit sieht es kaum besser aus. Ganz schlimm wird es bei Gedankenlosigkeit und Rechthaberei. Was glauben Sie, wie oft »da hab ich nicht aufgepasst« oder »der hat mir die Vorfahrt genommen. Das hab ich dahinten schon kommen sehen.« Als (innere) Begründung für einen Totalschaden reichen muss. Stellen sie sich das mal in der Luftfahrt vor: Die letzten Worte des Piloten auf dem Stimmenrekorder »Das hab ich dahinten schon kommen sehen.« Er wäre posthum eine vortreffliche Zielscheibe für Spott und Unverständnis.
Sicherheit hat viele Väter. Und wissend, dass es absolute Sicherheit, also die Abwesenheit von Risiken nicht geben kann, macht man sich daran, eben so sicher wie möglich zu sein.

Ich hab da so ein Gefühl

Der Mensch hat kein Gefühl für Sicherheit. Wohl aber gibt es eine gefühlte Sicherheit. Das ist wenn wir uns wohl fühlen und denken, da kann nix passieren, auch wenn unser Nebenmann gerade vor Angst umkommt. Das erleben wir beim Klettern, auf der Achterbahn, im Flugzeug bei Turbulenzen oder im Straßenverkehr, wenn der Beifahrer mal wieder nörgelt, man solle nicht so rasen. Das kann daran liegen, dass er ein Hasenfuß ist, oder daran, dass er die Ladung Rollsplitt am Ende der Schikane, die wir gerade sehr schnittig nehmen, kennt.

Versuch macht kluch!

Erfahrung ist einer der besten Lehrmeister. Wer schon einmal auf eine heiße Herdplatte gepackt hat, wird danach vorsichtiger sein. Ein Pilot, der einer falsch weisenden Anzeigenadel gefolgt ist, wird zukünftig misstrauischer sein. Wenn er überlebt. Da das bei Flugunfällen nicht immer der Fall ist, sind Flugunfalluntersucher sehr akribisch, was die Forschung nach den Ursachen des Unfalls und Strategien für die Vermeidung ähnlicher Szenarien in der Zukunft angeht. Sie sprechen deutliche Empfehlungen aus, die in der Regel in Ausbildungspläne und Vorschriften übernommen werden.
Auch Beinahe-Unfälle, sogenannte Vorfälle und schwere Störungen werden untersucht, denn auch diese sind wichtige Erfahrungen, die nicht jeder gerne machen möchte, aus denen aber wichtige Erkenntnisse gewonnen werden können. So profitiert heute jeder Pilot von den unschönen Erlebnissen der Älteren.
Andererseits kann man sich nach gerade noch gut gegangenen Situationen schnell in einem falschen Gefühl der Sicherheit wiegen. Ein Kindergartenkind, das ein dutzend mal mit der Mama bei Rot über die Ampel gerannt ist, wird das ganz sicher auch alleine ausprobieren. Nur ohne ihre jahrelange Erfahrung mit heran rasenden Kraftfahrzeugen.
Um Risiken besser einschätzen zu können und von der persönlichen Erfahrung zu trennen, wurde Statistik erfunden (das ist natürlich gelogen). Was Statistiken angeht, steht die bemannte Raumfahrt bei etwa einem Unfall auf 25 Starts ganz schlecht da. Vier von hundert Deutschen werden ihr Leben wegen eines Verkehrsunfalls verlieren. Einer von hundert großen chirurgischen Eingriffen geht schief. Der Zeitung konnten wir neulich entnehmen, dass eine große Deutsche Fluggesellschaft etwa 1800 Flüge am Tag durchführt. Das sind rund 700.000 im Jahr. Seit dem letzten Unfall (laut JACDEC: 1993) haben also etwa 13.000.000 Flüge stattgefunden.
Die Verkehrsluftfahrt zielt darauf, mehr als 100.000.000 Flüge ohne Unfall zu absolvieren.

Aufklärung und Erziehung

Haben Sie in letzter Zeit mal darauf geachtet, was Autofahrer, die gerade so richtig dämlich fahren, gerade tun? In den Achtzigern konnte man davon ausgehen, dass sie gerade im Fussraum nach Kassetten suchen oder das Handschuhfach nach Zigaretten durchwühlen. Heutzutage ist das Handy ein sicherer Tipp. SMS schreiben und telefonieren bindet Aufmerksamkeit. Da gibt es kein Vertun und die Sache ist klar. Aber wie bringt man das den Menschen bei? Man kann sie mit Statistiken bombardieren oder mit Bußgeldern. Das eine sorgt bestenfalls für Verständnis, das andere für persönliche Erfahrung. Aber ohne einen Unfall wird bei häufiger Telefonnutzung am Steuer das Gefühl gestärkt, alles im Griff zu haben. Piloten könnten im Flugsimulator bei Fehlverhalten schnell eines besseren belehrt werden (auch wenn man aus lernpsychologischen Gründen lieber positive Erfahrungen vermittelt). Beim Autofahren muss man leider warten, bis die Idioten aussterben. Es ist halt nicht jeder dafür geschaffen seine persönlichen Vorlieben hinten an zu stellen und die Verantwortung für Sicherheit und Wohlergehen von Passagieren zu übernehmen.

Eine Frage der Persönlichkeit

Deshalb gibt es Tests, die alle Piloten bestehen müssen, die zumindest bei größeren, seriösen Airlines ihren Dienst tun wollen. Über Wissen und Fähigkeiten, vor allem mathematisch-naturwissenschaftlicher Art, Merkfähigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen und Psychomotorik hinaus versucht man dort, bei den jungen Menschen die Fähigkeit zu entdecken, Regeln einzuhalten, auch wenn sie nicht unbedingt immer sinnvoll erscheinen. (Verstehen sie mich nicht falsch. Die Verfahren in der Luftfahrt sind sinnvoll, wohl überlegt und mit Blut erkauft – nur erschließt sich das nicht immer sofort.) Das ist gar nicht so leicht!

… und der Kultur

Es gibt Gegenden auf dieser Welt, in denen die Hupe am Auto wichtiger ist als die Bremse, in denen immer so schnell gefahren wird, wie es das Gaspedal hergibt, Ampeln höchstens empfehlenden Charakter haben. Im Falle eines Unfalls hat irgend ein höheres Wesen es halt so gewollt. In einem dieser Länder ist das Risiko, im Straßenverkehr ums Leben zu kommen etwa 2,5 mal so hoch wie hierzulande. Das könnte natürlich Zufall sein. Ist es aber nicht. Es ist die in unserem Land gelebte Kultur der Ordnung, der Regelbeachtung und Regeldurchsetzung, die die Straßen relativ sicher macht (vor allem wenn man betrachtet, dass wir eines der wenigen Länder ohne allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen sind). Unrühmliche Ausnahmen, selbst an höchster politischer Stelle, werden öffentlich geächtet. Der Verlust von öffentlichen Ämtern, z.B. wegen Trunkenheit am Steuer, ist gelebte Realität.

ewiger Spagat

Übertragen auf eine Airline bedeutet das, dass jeder im Unternehmen, vom CEO bis zur Aushilfskraft für Raumpflege den Flugsicherheitsgedanken verinnerlicht haben muss, sich dazu bekennt und ihn lebt. Das konsequente Einhalten von Standardverfahren muss ebenso selbstverständlich sein wie der offene, Lehren ziehende und weder aburteilende noch strafende Umgang mit Fehlern. Natürlich wollen Dritte, vor allem die Medien, im Schadensfalle immer einen Schuldigen bestraft sehen. Das führt aber zum Verschweigen von Fehlern und Problemen (persönlichen und dem Flugbetrieb oder dem Flugzeug innewohnenden) und letztlich zu weniger Sicherheit für alle. Denn die Ursache für einen Unfall liegt in einem Umfeld wie der Fliegerei meist tiefer als im Drücken des falschen Knopfes oder einer nicht ganz fest gezogenen Schraube. Die Sanktionierung des Einzelfalles würde zum einen eine sich erhöhende Dunkelziffer an Vorfällen bewirken, zum anderen die Zukünftige Vermeidung verhindern.
Viel eher müssen in der Konfliktzone zwischen Flugsicherheit und Produktivität die Organisation des Unternehmens und alle Managementprozesse, genau wie der Flugbetrieb selbst, fortwährend auf mögliche Risiken untersucht und diese auf ihren Einfluss auf die Flugsicherheit abgewägt werden.
Nur so kann ein für die Passagiere akzeptables Sicherheitsniveau erreicht werden.

Von Schubert

blickt schon aus beruflichen Gründen aus einer ungewöhnlichen Perspektive und mit einer gewissen Distanz auf die vorbei ziehende Welt.

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