Warum ist immer ein Arzt an Bord? Aber nie ein Bademeister.

Vogelmann

Über Ärzte, Bademeister und Notfallmedizin im Flugzeug

Früher waren Bademeister schmerbäuchige gealterte Gigolos, deren Aufgabe hauptsächlich daraus zu bestehen schien, am Becken entlang stolzierend den Mädchen auf den Hintern zu glotzen und die Rabauken im Nichtschwimmerbecken anzubrüllen. Sie konnten schon deshalb niemanden retten, der außer Reichweite ihres Bambusstängelchens in Seenot geriet, weil ihre Goldkettchen als das Gegenteil von Auftriebshilfe auch für zwei gereicht hätten. Heutzutage wachen smarte Sportstudenten beiderlei Geschlechts aufmerksam über die Schwimmerschar, können bei Fragen freundlich Hilfestellung leisten und sind ausgebildete Lebensretter. Würden sie noch Getränke servieren, wären sie die Flugbegleiter der öffentlichen Badeanstalten.
Obwohl – haben Sie schon einmal gesehen, dass im Schwimmbad jemand mit etwas größerem als einem Heftpflaster erstversorgt werden musste? Ich nicht. Und ich war früher oft schwimmen. Noch öfter war ich allerdings mit dem Flugzeug unterwegs. Und da habe ich schon einige Male erlebt, dass Passagiere und Crew ernsthaft medizinische Hilfe benötigten.

Blutbad

Sicherlich gibt es spektakuläre Fälle, wie die Geschichte vom Flugbegleiter, der eine Weinflasche beim Entkorken zerdeppert und sich den Unterarm aufschlitzt, der Kollegin, die zu Hilfe eilend in der Pfütze (Wein, nicht Blut) ausrutscht und sich an der Kabinenwand ausknockt, dem einen der beiden Piloten, der nachschaut, was da denn für ein Gebollere stattfindet, kein Blut sehen kann und sofort ohnmächtig danieder sinkt, und einigen beherzten Passagieren, die schließlich erste Hilfe leisten.
Meistens geht es um Kopfschmerzen, Übelkeit und harmlose Kreislaufbeschwerden.

Stau durch Umfaller

In der Regel tut der Passagier gut daran, schon am Flughafen, am besten vor dem Einsteigen ohnmächtig zu werden. An großen Flughäfen sind Sanitäter rasch zur Stelle, und bevor der Kapitän in den Einsteigebereich spaziert, weil er sich wundert, warum das Boarding nicht voran geht, sitzt der Rentner, der nach einer vor Aufregung durchwachten Nacht gegen zwei Uhr dreißig aufgestanden, pünktlich zum Charter-Check-In um vier Uhr früh aus der Eifel nach Düsseldorf angereist und bis zum Einsteigen um fünf Uhr dreißig weder zum Essen noch zum Trinken gekommen, gut versorgt und wieder munter Geschichten erzählend auf der Pritsche.

Rhythmus des Herzens

In Lanzarote dagegen kann es schon einmal 25 Minuten dauern, bis der Flughafensanitäter mit seinem Rucksack voll medizinischem Gerät zum Flugzeug kommt, während sich Passagier Kardiologe und Fluggast Anästhesist schon einmal auf die Medikamentendosierung für den Reisenden mit vom flugzeugeigenen EKG angezeigten Herzrhythmusstörungen einigen.
Medikamentendosierung ist schon das Stichwort für die Grenze dessen, was Flugbegleitern an medizinischer Hilfeleistung erlaubt ist. Sie dürfen außer Schmerzmitteln, Mitteln gegen Reiseübelkeit und Nasentropfen so gut wie keine Medikamente verteilen. Auch da ist ihre Handlungsfähigkeit auf das Aushändigen von Tropfen, Pillen oder Zäpfchen beschränkt. Schlucken oder anwenden muss der Patient selbst. Spritzen und »härtere« Medizin darf nur ein Arzt oder ausgebildetes Fachpersonal geben.

Wenn die Blase drückt

Bisweilen scheitert der Hilfeversuch am Patienten selbst, wenn er lieber drei Stunden lang vor Schmerzen wimmert und in ihrer Wirksamkeit eher beschränkte Schmerztabletten schluckt, als sich von einer Mitreisenden Ärztin »untenrum« untersuchen zu lassen oder einer mehrfach angebotenen Zwischenlandung zuzustimmen. Wenn er dann auch am Zielort erst dann eine Untersuchung durch das am Flugzeug bereit stehende Notfallteam über sich ergehen lässt, als die amerikanischen Behörden mit einer Quarantäne für das Flugzeug und alle Insassen drohen, scheint er seinen Blasenstein sehr lieb gewonnen zu haben.

Klassiker

Der Klassiker sind Schlaganfall oder Herzinfarkt mitten über dem Atlantik mit mehr als zwei Stunden Flugzeit zum nächsten Flughafen. Das Kabinenpersonal ist auf solche Fälle sehr gut vorbereitet, die Ausrüstung des Flugzeuges ähnelt der eines Rettungswagens, über die Kabinenlautsprecher wird schnell ein Arzt oder medizinisch ausgebildete Personen ausgerufen. Und nein, es ist nicht immer ein Arzt an Bord. Und wenn, ist es nicht immer ein Anästhesist. Mal ehrlich, in der Situation tauscht man gerne einen Hautarzt gegen eine Intensiv-Schwester oder einen Proktologen gegen einen Rettungssanitäter. Oder wenigstens einen Bademeister, der frisch von der Erste-Hilfe-Schulung kommt. Laut interner Statistik einer großen deutschen Fluggesellschaft haben Fluggäste mit Herzattacken eine überdurchschnittliche Überlebenschance. Die Ausrüstung ist griffbereit, bei den Flugbegleitern sitzt jeder Handgriff und die Piloten bringen das Flugzeug schnellstmöglich auf den Boden.
Noch besser wäre, wenn der ein oder andere Passagier zugunsten seiner Gesundheit auf eine lange und ungesunde Flugreise verzichten würde.

Von Schubert

blickt schon aus beruflichen Gründen aus einer ungewöhnlichen Perspektive und mit einer gewissen Distanz auf die vorbei ziehende Welt.

Ein Kommentar

  1. Schöne Geschichte- und aus dem wahren Fliegerleben gegriffen. Dazu dann folgender (Ur)altkalauer:
    Auf einem Flug nach Rio erleidet ein Passagier einen Herzinfarkt. Bordansage: „Ist zufällig ein Arzt an Bord?“ Etwa 50 Arme werden gestreckt. „Oh, ist zufällig auch ein Anästhesist und/oder ein Kardiologe unter Ihnen?“ Zahlreiche, weitere Hände wedeln. Erklärung: Die Damen und Herren waren auf dem Flug zu einem Internationalen Kongress und eilten freudig zu Hilfe.
    Der Passagier hat dennoch überlebt.

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