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bewegtes Leben

Reiner Zufall

Schnell noch Rasen mähen, bevor es wieder losgeht. Gewitterwolken ziehen auf. Und man weiss ja nie, ob sich eine davon nicht genau über dem eigenen Garten ausregnen will. Und dann ist ja wieder nix mit mähen.

Neulich abends gab‘s richtig Unwetter. Eben scheint noch die Sonne, dann ziehen ein paar Wolken auf, und plötzlich die schwarze Wand. Sturmböen, Wasser als würde jemand Schwimmbecken ausgießen und mehr Blitze, als wenn Ursula von der Leyen einen neuen Kletterpanzer tauft. Auf dem Hortspielplatz. Man muss die Kinder ja früh mit der Lebenswirklichkeit konfrontieren. Wir hatten damals eine ausrangierte Dampflokomotive zum Klettern. Die war dick mit bleihaltiger Rostschutzfarbe bepinselt und heutzutage müsste man Handschuhe und Atemschutz tragen, wenn man sich ihr auf zehn Meter nähert, aber wir hatten Spaß und wollten alle Lokführer werden. Nur ist keiner Lokführer geworden. Was auf den Kletterpanzer übertragen wiederum ein sehr friedvoller Gedanke ist.

Beim Gedanken an die Bleifarbe frage ich mich, ob da der Hase für mein Haarproblem im Pfeffer liegt. Mein Kopf und mein Rasen haben nämlich eines gemeinsam: Stellen, an denen nichts wächst.

In der Straßenrandbepflanzung klaffen seit dem Unwetter auch einige kahle Stellen. Äste abgebrochen, Stämme zersplittert, ganze Bäume einfach umgekippt. Die auf der Straße lagen waren schnell weggeräumt, nur die auf der anderen Straßenseite liegen noch da, recken ihre Wurzelballen in die Luft. Ich hab mal versucht, da ein Muster auszumachen. Sicher, es gibt exponierte Stellen, an denen ein paar mehr umgefallen sind, als anderswo. Bestimmt gibt es auch andere Faktoren wie schlechter Boden, Holzfäule, Borkenkäfer, die mitbestimmen, wen es umhaut und wen nicht. Aber am Ende ist es immer der Zufall, der die letztendliche Entscheidung trifft. Ist wie mit den Krankheiten. Klar, ein Herzinfarkt kündigt sich meistens schon Monate vorher an, aber du kannst noch so gesund leben und fröhlich sein. Vielleicht hast du morgen schon Krebs. Und der kettenrauchende Alkoholiker von nebenan wird neunzig.

Eins wird mir klar, wenn ich die Bäume da liegen sehe: Sosehr wir uns um Kontrolle bemühen, sosehr wir uns der Illusion der Planbarkeit der Dinge hingeben, am Ende haben wir nur sehr begrenzten Einfluss auf wenige Parameter, die Eintrittswahrscheinlichkeiten verschieben. Am Ende entscheidet der Zufall.

Manche finden sich nur schwer damit ab, erfinden Schicksal, Gottes Wille oder Ähnliches. Die Wissenschaft sagt ja auch, dass wer an Zufälle glaubt (oder an Wunder), nur nicht genau genug hingesehen hat. Aber ganz am Ende jeder Beweiskette steht immer wieder der Zufall.

Andererseits, vielleicht sind diese umgefallenen Bäume ja eine Art Strichcode, die Kahlstellen eine Botschaft. Wie diese Kreiszeichnungen in Getreidefeldern. Vielleicht ergibt sich ja aus dem richtigen Winkel betrachtet ein tieferer Sinn. Vielleicht muss man das Ganze nur von oben betrachten.

Gute Idee. Ich mach hier nur schnell fertig. Dann lass ich meine Frau mir mal die Pläte begutachten. Vielleicht findet die ja was.

Von Schubert

blickt schon aus beruflichen Gründen aus einer ungewöhnlichen Perspektive und mit einer gewissen Distanz auf die vorbei ziehende Welt.

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