Da ist ein Loch!

Parties finden nicht immer an der nächsten Autobahnraststätte statt. Das ist auch gut so, sonst wäre es schwierig zu Fuß nach Hause zu laufen ohne in die Nachrichten zu kommen. Dafür muss man bisweilen kilometerweit übers Land fahren, um zu der Wandererhütte oder dem Kleingartenvereinsheim zu gelangen. Und nicht immer stellt man nach 10 Minuten Feldweg fest, dass man lieber doch noch nicht links abgebogen wäre, 1,3km nur eine ungefähre Streckenangabe war, und man auch auf der schlimmsten Ansammlung von Schlaglöchern nicht 10 Minuten für 150m braucht. Schlaglöcher, das sind diese Dinger, die man immer so spät sieht, dass man gerade nicht mehr ausweichen kann. Sie überfordern regelmäßig die Federung von für die Straße gebauten Fahrzeugen, und es fühlt sich kurzzeitig so an, als stürze das Auto ins Nichts, bevor es abrupt wieder nach oben geht.
In einem Interview bemerkte ein deutscher Rallyefahrer einmal, wenn man nur schnell genug führe, spüre man die Schlaglöcher nicht mehr so doll. Das kann ich zwar bestätigen, aber – nach einem unsanften Aufsetzer im Taurusgebirge nördlich von Antalya, bei dem der Mietwagen, der gemütlich auf der Ölwanne saß nur dank der Hilfe einer durch die Nacht reisenden türkischen Großfamilie wieder auf die Räder gehoben werden konnte – nur wirklichen Profis empfehlen.
Der Weg nach Antalya kann bisweilen etwas holprig werden. Heutzutage nimmt man ja eher das Flugzeug als den Landweg. Trotzdem ist man vor Schlaglöchern und den launigen Bemerkungen des Flugkapitäns über die schlechten Straßen über dem Balkan nicht gefeit. Solange der Nebenmann noch über Luftlöcher schwadroniert, fröhliche „Hoppla“s durch die Kabine schallen und die Flugbegleiter die Kaffeetassen mehr als halbvoll ausschenken ist alles in bester Ordnung.

Sport Utility Vehicle = Kreuzung aus Sportlimousine und geländetauglichem Nutzfahrzeug, also je nach Standpunkt Bauernporsche oder Tussentraktor

Luftlöcher, übrigens, gibt es nicht. Wie soll den auch ein Loch in die Luft geraten? Wenn innerhalb der Erdatmosphäre irgendwo ein Loch ist, ist da drin immer noch Luft, weil Luft hierzulande nun einmal überall da ist, wo sonst nichts ist . Im Umkehrschluss wäre an einem Ort, an dem keine Luft ist, etwas anderes. Zum Beispiel ein SUV.

Aber das wiederum würde tun, was es in jedem Schlagloch tut und bis unten hin durchfedern (dabei das Luftloch immer weiter Richtung Boden mitnehmen und dort in einen schönen neuen Krater, auch eine Form von Loch, verwandeln). „Luftloch“ ist also eine Metapher. Piloten sprechen untereinander von Turbulenzen, versuchen aber das Wort in der Öffentlichkeit zu vermeiden, weil es bei Passagieren unschöne Assoziationen an den Film „Poseidon Inferno“ (den umgedrehten Ozeandampfer) hervorruft. Dabei sind Turbulenzen vor allem eines: bewegte Luft; und zwar von der Sorte, die nicht majestätisch langsam von hier nach dort wabert. Gemeint ist das whirlpoolartige Blubbern erhitzter Luftblasen, das in Fachsprache Thermik heisst und meist im Landeanflug auftritt, oder ruppige Wirbel in Gewitterwolken, im Lee von Gebirgen oder am Rand von Starkwindfeldern, sogenannten Jetstreams, die zwischen einigen Metern und einigen hundert Metern Durchmesser haben. Dabei geht es munter auf und ab und hin und her und rund herum. Die Tragflächen wobbeln auf und ab wie die Adlerflügel in der HD-Naturdoku. Und sie müssen das tun. Starre, unbewegliche Tragflächen wären zu teuer und zu schwer und würden am Ende doch nur abbrechen.

deHavilland Comet, in den 50er Jahren von einer damals unerklärlichen Absturzserie betroffen; es stellte sich heraus, dass nicht wie vermutet, die durch in die Tragflächen integrierte Triebwerke hervorgerufenen Schwingungen, sondern Probleme mit der an- und abschwellenden Druckkabine und eckigen Nietlöchern die Flugzeugstruktur vorzeitig ermüden und auseinander brechen liessen

Und das tun sie seit den Zeiten der Comet schon nicht mehr. Trotzdem fühlt man sich bisweilen wie auf dem Feldweg zur letzten Party im Naturfreundehaus.
Wenn es still wird in der Kabine, der redselige Sitznachbar vorsichtshalber zur Spucktüte greift und die Flugbegleiter mit angespannter Gesichtsmuskulatur zu ihren Positionen eilen, ist es Zeit, den Sitzgurt noch einmal fest zu ziehen, lose Gegenstände in die Sitztaschen zu stopfen und eine entspannte Haltung ein zu nehmen. Im Ernst: Anspannung bringt keine positiven Effekte. Im Gegenteil. Versuchen Sie mal, eine Murmel auf einem Brett zu balancieren während sie hüpfen. Versuchen Sie es dann, mit einen Klumpen Knete. Also, denken Sie an etwas angenehmes, werden Sie eins mit ihrem Sitz, mit dem Flugzeug. Das hört ja nicht auf zu fliegen. Im Gegenteil. Es fliegt mit dem Strom. Das fühlt sich vielleicht an wie im Freefall-Tower, aber dazu gehört ein Plan. Und Physik.
Ein (Achtung Fachchinesisch) ausgetrimmtes Flugzeug, bei dem ein Gleichgewicht aus Schub, Luftwiderstand, Gewicht, Auftrieb und der Drehmomente, die es nicken lassen, herrscht, fliegt geradeaus, ohne dass Piloten oder der Autopilot eingreifen müssen. Kleinere Störungen lassen es ein wenig steigen oder sinken, aber sowohl Steigen als auch Sinken sind für sich stabile Flugzustände, und wenn die Störung (= der kleine Auf oder Abwind, das bisschen zusätzlicher Wind von vorn oder hinten) vorbei ist, wird es wieder geradeaus fliegen – ganz ohne dass jemand etwas tut.

In jedem Flugzeugfilm geht der Jet sofort in einen seitlichen Sturzflug über, sobald der Autopilot ausfällt, und die Flugzeugentführer, Piloten oder Stewardessen, die tote Piloten ersetzen, können den Vogel nur mit Mühe abfangen, aber das ist (außer bei schweren technischen Defekten) Unsinn.

Bei größeren Störungen oder modernen Flugzeugen, die mehr auf Kraftstoffverbrauch als auf stabile Flugeigenschaften optimiert sind, muss etwas mehr gearbeitet werden. Dazu gibt es den Autopiloten, der unter anderem den Piloten aus Fleisch und Blut die äußerst ermüdende Arbeit abnimmt, geradeaus zu fliegen oder sehr genau die vorgegebene Flughöhe zu halten. Das tut er heutzutage sehr gut und zuverlässig, auch unter schwierigen Bedingungen. Im Gegensatz zu früher, wo schonmal ein eher leichtes Holpern die Automatik überforderte, muss es heute schon sehr ruppig zugehen damit der Automat den Dienst quittiert. In diesem Fall können aber auch die Piloten nicht viel mehr tun als das Flugzeug innerhalb sicherer Parameter zu bewegen: halbwegs waagerecht bleiben, bekannte Werte für Fluglage und Schub halten, damit die Geschwindigkeit im sicheren Bereich zwischen zu langsam und zu schnell bleibt, wenn möglich in ruhigere Luftschichten steigen oder sinken und warten bis es wieder ruhiger wird. Das dauert meistens nur ein paar Minuten, kann aber auch den Profi ganz schön zermürben. Vor allem, wenn es zwar nicht ganz so heftig wird, aber lange dauert. Meine Highlights:

Turbulenzen werden in vier Stufen eingeteilt, wobei die Definition eher vage bleibt: 1. Leicht – ungesicherte Objekte bleiben wo sie sind, eine halb volle Tasse Kaffee schlabbert nicht, 2. Mittel – ungesicherte Objekte bewegen sich in der Kabine, schlafende Passagiere wachen auf, eine halb volle Tasse Kaffee schlabbert, 3. Schwer – lose Objekte und nicht angeschnallte Personen werden in der Kabine herum geworfen, ebenso die Tasse – und der Kaffee, 4. Extrem – Flugzeug eventuell nicht kontrollierbar, Gefahr von Schäden an der Struktur, Kaffee – nicht dran zu denken

– eine etwa zwanzig Sekunden dauernde Passage zwischen zwei Gewitterwolken kurz nach dem Start in Dalaman, wobei es so heftig wackelte, dass ich die Fluginstrumente kaum ablesen konnte,
– zwei Stunden immer wieder auftretende kurze, heftige Rüttler, nachts über dem Südchinesischen Meer,
– zweieinhalb Stunden erfolglosen Steigen und Sinkens auf der Suche nach etwas ruhigeren Luftschichten auf dem Weg von Düsseldorf auf die Kanaren, in deren Verlauf die Spucktüten ausgingen,
– drei Stunden Seitwärtsrollen mit dem Frachter über dem Nordpazifik zwischen Alaska und Japan, einige Kollegen mit Passagieren an Bord drehten wieder um,
– viereinhalb Stunden Dauerturbulenz im Lee des Himalaya mit nur kurzen ruhigen Episoden, die wir irgendwann sehr eilig für Pippipausen nutzten, gekrönt von der Ankündigung schwerer Turbulenzen.

Ich kenne die Unfallberichte von Flügen, die bei bestem Flugwetter unverhofft in manchmal nur ein bis zwei Sekunden dauernde heftige Turbulenzen geraten sind, bei denen Flugbegleiter und nicht angeschnallte Passagiere mitsamt ihren Arbeitsmitteln und losen Gepäckstücken unsanft Richtung Decke und wieder zurück befördert wurden. Es gab Prellungen, Brüche, Gehirnerschütterungen, mitunter schwer Verletzte, die dringend ärztliche Behandlung benötigten.
Doch noch einmal: Keine Angst, das Flugzeug fliegt!
Die Schäden durch Turbulenzen beschränken sich in der Regel auf die Inneneinrichtung und werden durch herumfliegende Gegenstände und Passagiere verursacht. Also machen Sie es wie die Profis. Schnallen Sie sich an! Immer!
Denn auch wenn Sie nur mal eben um die Ecke zum Bäcker fahren wollen, wissen sie nie, ob nicht um just diese Ecke ein auf dem Heimweg von einer Party im Wandervereinshaus befindlicher, etwas zu schneller, Schlaglöcher überfliegender SUV gebogen kommt und Sie unsanft in ihrer Fahrzeugkabine umher wirft.

Von Schubert

blickt schon aus beruflichen Gründen aus einer ungewöhnlichen Perspektive und mit einer gewissen Distanz auf die vorbei ziehende Welt.

Ein Kommentar

  1. Hallo Holger
    einfach immer amüsant zu lesen deine Stories. Danke für die tiefen Einblicke in die Kunst des Fliegens und die treffliche Charakterisierung der SUVs.

Ich gehe davon aus, dass du die Datenschutzerklärung gelesen hast, bevor du einen Kommentar verfasst. Wenn nicht, tu das bitte jetzt, denn die Daten, die du hier eingibst, werden gespeichert.