Wien, Netzneuträlität und der Seehofer

Da stapfe ich also durch das herbstliche Wien. Im Stadtpark liegen Blätterhaufen auf den Gehwegen. Vorhergesagt warend 14° und ein Mix aus Sonne und Wolken. Das mit den Wolken stimmt, die Temperatur beträgt höchstens 10°, und der Wind zwingt die Schultern hoch.

Überall ist Zerfall, Verwitterung. In Paris würde man es Patina nennen. Hier weht der morbide Hauch des Untergangs Thomas-Bernhard-Zitate durch meinen Neokortex. Ich bin allein, niemand, mit dem ich reden, dem ich meine Gedanken zumuten kann. Aber es gibt ja Twitter. Und freies WLAN in vielen Bereichen der Innenstadt.

Schneller als ich sie raushauen kann, trudeln Tweets auf meinem Smartphone ein. Ich kann nicht anders, als sie lesen, in eine windstille Ecke gedrückt, den Kopf schüttelnd. Das EU-Parlament hat der Vorlage zur Abschaffung der Netzneutralität zugestimmt und Netzneutraliät beschlossen. Es gibt ein Datendiskriminierungsverbot, aber die Möglichkeit, bestimmte Daten zu bevorzugen. Orwell/Schrödingers Netz. Man nennt das jetzt Netzneutraliät. Klingt absurd. Ist es auch. Aber es ist jetzt Gesetz. Genauso wurden Roaminggebühren abgeschafft, aber auch nicht. Hauptsache, ein paar Konzerne werden mit Zusatzdiensten und dem Verkauf von Bandbreiteprivilegien noch mehr Milliarden scheffeln, die der Eurobürger bezahlen muss, jetzt wo er sich langsam an schnelles und mobiles Internet gewöhnt hat.

Eine Gruppe Jugendlicher mit Namensschildern an den Winterjacken spricht mich an, ob ich ihnen etwas über den Stock im Eisen erzählen könne. Ich weiß nicht, was das ist, aber ich habe meine Schulter daran gelehnt. Ich bin online, also lese ich ihnen aus Wikipedia vor. Ich nehme mir vor, wieder eine Offline-Version herunter zu laden, wie damals, als das Internet noch langsam  und nicht mobil war. Wer weiß, wie lange man noch spontan auf freie Informationen zugreifen kann.

Internet? Wer braucht schon Internet!
Internet? Wer braucht schon Internet!

Ich laufe am dritten Infokasten vorbei, bevor ich es realisiere. Die Zukunf ist ein Rückschritt. Wir werden wieder Straßenkarten kaufen, wenn Online-Maps zu teuer werden oder durch den Datenverkehr autonomer Autos ausgebremst werden. Wir werden Infotafeln lesen, statt Wikipedia, ein paar Münzen in diesen Kasten werfen und uns Aufnahmen von Fremdenführern vorlesen lassen. Zurück in die Zukunft ist kein Science Fiction. Es ist die Rettung vor der Gängelung durch die Corporatokratie.

Kaffeepause im Phil. Einem Buchladen mit Kaffee. Einem Kaffee mit Buchladen. Egal. Dreiviertel der Besucher (alle, die alleine hier sind) haben einen Bildschirm vor sich.

Seehofer hat gedroht, seine CSU-Minister aus der Regierung abzuziehen, wenn Merkel nicht ihre Flüchtlingspolitik ändert. Wirklich? Seehofer will sich und sein Fähnlein Gemsenschweif aus Bonn, der gesamtdeutschen Politik, dem Interesse der Öffentlichkeit entfernen? Das soll eine Drohung sein? Die CSU kündigt die Koalition mit der CDU? Horsti, versprichst du, auch den Öttinger mitzunehmen, wenn du dich in die Bedeutungslosigkeit beamst?

Ich muss noch was twittern.
„Angela Merkel, bitte bleiben sie in der Flüchtlingspolitik stark! Sie ist der einzige Punkt, in dem diese Regierung bisher ihrer moralisch ethischen Verantwortung gerecht wird.“

Mist. Zu viele Zeichen.

Schubert

Autor: Schubert

blickt schon aus beruflichen Gründen aus einer ungewöhnlichen Perspektive und mit einer gewissen Distanz auf die vorbei ziehende Welt.

Kommentar verfassen