Utopie/Teufelskreis

Über Zukunftsvisionen, Realitäten und Grundeinkommen

Als ich ein Kind war, gab es diese eine große Vision der Zukunft: Automaten, Maschinen erledigten die Arbeit, während die Menschen Zeit und Muße hätten, schönen Dingen nachzugehen. Je nach Neigung wären Kunst, Musik, Wissenschaft, Reisen, Konsum entspannte Hauptbeschäftigung gut gekleideter, gebildeter, schöner Menschen, die je nach Visionär in großzügigen Eigenheimen oder gigantischen Arkologien lebten. Notwendige Arbeiten würden von denen erledigt, die sich dazu berufen fühlten, die ihre Arbeit zu einer Kunstform erhoben, oder einfach eine Bestimmung brauchten, die sie selbst ihrem Leben nicht geben könnten. Geld wäre kein Faktor. Es gäbe so viel davon, dass es gänzlich unwichtig wäre, sein Fluss am ehesten eine Bedarfsmessung für die Produktion. 

Wie alle Visionen klingt sie zu schön um war zu sein, und wie alle gesellschaftlichen Theorien vergisst sie einen wichtigen Faktor: den Menschen, seine Ängste, seine Gier.

Heute leben wir in dieser Zukunft. Allerdings in einer pervertierten Form.

Geld, sein Besitz, sein Erwerb ist zur einzigen Messgröße des Erfolges geworden, selbst Kunst wird nicht an ihrer Vollkommenheit, sondern an ihrem Ertrag gemessen.

Die Verabschiedung der Politik von der sozialen Marktwirtschaft, das Abschmelzen sozialer Standards, die Aufkündigung gesellschaftlicher Verantwortung durch die Wirtschaft, die Auflösung der Ehe als Sozialpartnerschaft haben eine Welt entstehen lassen, in der immer mehr Menschen in den Arbeitsmarkt drängen. Zu immer schlechteren Bedingungen. Hoch qualifizierte, einstmals hoch bezahlte Berufe mit hohem Ansehen nähern sich prekären Arbeitsbedingungen. Ganze Branchen sterben aus

Eine Arbeitsstelle ist minimaler sozialer Standard. Kein Geld zu besitzen oder zu erwerben, keine Arbeitsstelle zu haben, führt zu Ächtung, gesellschaftlicher Isolation.

Statt der Freiheit, einem Beruf nachzugehen, leben wir den Zwang, einen Verdienst zu verfolgen.

Das Recht auf Arbeit ist der Pflicht zur Arbeit gewichen.

Die Reallöhne sind rückläufig, die Arbeitslosenzahlen stagnieren nur scheinbar und nur durch statistische Umdefinitionen. Und doch verzeichnen wir ein stetiges Wirtschaftswachstum.

Hier wäre dann die Verbindung zu der anfangs beschriebenen Utopie: Die erwirtschafteten Gewinne werden zurück in das System gespült, wer genug hat, gibt den Rest ab; sprich, Jeder erhält eine Beteiligung. Unabhängig davon, ob er tatsächlich am Wertschöpfungsprozess teilnimmt oder nicht: ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wer kann und mag, verkauft für zusätzliche Einkünfte seine Arbeitskraft oder Expertise, statt einer erzwungenen Lohnsklaverei nachzugehen.

Doch die Gewinne werden nicht kommunalisiert. Sie werden privatisiert und dem Wirtschaftskreislauf entzogen. In einem Maße, das mitunter die Unternehmen selbst trotz guter Ertragslage in finanzielle Nöte bringt. Für die Profiteure gilt “Genug” ist “Alles”. Optimierung wird als Maximierung verstanden. Die Gemeinschaft als Melkkuh des Individuums.

Unser Steuersystem, das Kapital besser stellt als Arbeit, das Unternehmen gegenüber Bürgern bevorzugt, unser Rentensystem, das umlagebasiert nur funktionieren kann, wenn gezahlte Beiträge (Gehaltsanteile) den Entnahmen (ausgezahlten Renten) entsprechen, unser Sozialsystem, das von Vollbeschäftigung ausgeht, sind der Entwicklung der Wirtschaft nicht gewachsen. Reformen, die Verlierer dieser Entwicklungen stärken, nicht durchsetzbar.

Ein Teufelskreis.

Schubert

Autor: Schubert

blickt schon aus beruflichen Gründen aus einer ungewöhnlichen Perspektive und mit einer gewissen Distanz auf die vorbei ziehende Welt.

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