Gulag

gulag_horizontal_kleinCool, denke ich, als ich den E-Mail Anhang ansehe, Wave-Form-Ansicht eines Musikstücks. Bei der kompakten Welle sicher ein dichtes, rockiges, lautes Werk, Punk vielleicht, ebenso urban und kompakt wie der Stil, in dem der Künstler die Wellenansicht gestaltet hat. MAC-ig kühl, fällt mir ein, technisch, gebrochen durch die ausfransenden Wellenenden, wo die Farbe sich ins Papier hinein frisst und aus der glatten Form ausbricht, etwas organisch-botanisches schafft, einen kleinen Ausbruch in die Unkalkulierbarkeit des Zufalls. Rote Linien schweben davor. Sofort assoziiere ich sie mit dem unsauberen Gekrakel eines alten EKG-Schreibers. Dies ist mein Herzschlag beim Hören des hinterlegten Songs. Es dauert eine Weile bis er sich einschwingt, dann entsteht Resonanz, die Amplitude nimmt zu, an dieser Textstelle, jenem Akkord, macht es einen Hüpfer, setzt aus, Kammerflimmern, bis es wieder einsetzt, arhythmisch, erregt, erst gegen Ende des Liedes, wenn der Refrain zur Formel wird, nimmt es seinen regelmäßigen Schlag wieder auf. Oder ein Seismografenbild. Die Stadt bebt, ähnlich wie mein Herz. Ein weisser Streifen, zweigeteilt, verwaschene Null-Linie, gibt nur eine ungefähre Referenz. Was ist schon normal, durch den Dunst über der Stadt betrachtet? Ich suche nach Symbolen, winzigen versteckten Zeichen, eine Fledermaus, ein Kreuz, wenigstens ein bisschen Ironie. Dann sehe ich den Titel: Gulag. Uups. Knapp vorbei.

Die Geschichte der Musik – Polka-Style

Am Anfang war das Wort. Auf einer Heimdiashowleinwand flimmerte von Anteil nehmenden Lautbekundigungen aus dem Publikum begleitet die Geschichte von Opa Pjotrek Popolski vorbei, der vor hundert Jahren in seiner Heimat Zabrze begann, etwa 128000 Polka-Hits zu schreiben, die nach dem Krieg aus seiner Plattenbauwohnung in die Welt fanden. Aber sie wurden geklaut und „nach der Strich und nach der Faden verchunzt“. Und letzten Freitag in Düsseldorf präsentierte „der Familie Popolski“, die Kelly-Family der Polka, diese Hits wie sie gedacht waren. Wir kannten sie alle. Nur viele erkannten wir beinahe nicht. Dorota Popolski, die erotischste Bühnenerscheinung seit Jessica Rabbit, präsentierte „Dance with somebody“ als laszive Engtanz-Nummer und „tausendmal betrogen“ als Rock-Hymne. „Der traurigste Stimmungshit aller Zeiten“, den Opa Popolski in einer schlechten Phase im 12. Stock der Plattenbausiedlung in Zabrze komponierte, ein sehr ruhiges, melancholisches Bar-Jazz-Stück Namens „Ein bisschen Spass muss sein“ funktionierte ebenso prächtig wie die Beastie-Boys-Metal-Rap Version von „Cherry, Cherry Lady“, mit der Janusz, der jüngste Spross der Polka-Großfamilie, vom schüchternen, bei den gewerkschaftlich angeordneten und von einer Werksirene eingeläuteten Wodka-Pausen übergangene und in den Schattenwinkel hinter dem Schlagzeug verbannten Bübchen zum Rockstar mutierte, mit all der Attitüde und den Manierismen der neuen Rolle: nackter Oberkörper, Wodka-Dusche, (Bass-) Gitarrensolo. Ein großartiger Abend mit Gastauftritten von Glampolkarocker Andrzej und Vetter Elvek, dem Dick Brave der Polka. Es ist Kabarett und Musik-Comedy, die funktioniert, weil auf der Bühne Vollblutmusiker stehen, die mit großem Können und großer Freude ans Werk gehen. Das Publikum geht mit und „hebt der Hande“. Nach knapp drei Stunden ist die Show vorbei. Am Ende war Musik. Die Musik war Polka. Und es war gut.

Der Wert der Kunst

Wie teuer darf Kunst sein? Oder welchen Wert hat Kunst? Sind das im Grunde die gleichen Fragen oder hat das eine nichts mit dem anderen zu tun?
Nehmen wir an ich würde in einer alten Scheune ein Bild finden, ich würde es an die Wand hängen und jeden Tag betrachten, und jeden Tag würde ich etwas um eine Nuance anderes in diesem Bild sehen, ein Detail vielleicht oder einen interessanten Schatten. Mit etwas Glück würde es mir sehr lieb und teuer werden, denn ich würde es nicht mehr missen wollen als Begleiter meiner Tage, als Spiegel meiner Gedanken und Stimmungen. Bekannte würden fragen, war es teuer? Nein, denn ich habe es gefunden. Ist es wertvoll? Für mich ja. Aber wie groß ist dieser Wert?
Nehmen wir weiter an, jemand anderes hätte dieses Bild gesehen und würde es auch besitzen wollen. Vielleicht würde er tauschen wollen, wahrscheinlich aber würde er mir ein Angebot in Geld machen. Ich würde natürlich ablehnen, denn ich will mich ja nicht von dem Bild trennen. Möglicherweise würde mein Unwille zu verkaufen das Begehren des Anderen ebenso steigern wie seine Angebote, bis schließlich ein absurd hoher Betrag im Raum stünde, der dem Aufwand des Künstlers an Material und Arbeitszeit in keiner Weise mehr Rechnung tragen würde. Ich könnte immer noch ablehnen, dem Anderen freundschaftlich auf die Schulter klopfen und den Kopf schütteln, mich fragend, ob durch dieses Gebot der Wert des Bildes in meinen Augen gestiegen ist. Ich könnte annehmen und dem Werk damit statt eines imaginären Wertes einen reellen Preis anhängen. Würde das Bild durch den Verkauf eher an Wert gewinnen oder ihn vollständig verlieren, da es ja nun möglicherweise plötzlich zur Ware abgewertet nicht mehr wäre als ein besonders großer Geldschein, der als Trophäe von Besitzer zu Besitzer ziehend gegen einen in immer unsinnigere Höhen steigenden Preis gehandelt würde?
2006 sammelten wir alle Fussballbildchen. Ich hatte allein 6 Robbens und ebenso oft einen rothaarigen Amerikaner, dessen Namen ich vergessen habe. Dafür fehlte bis zum Schluss einer der Cole-Brüder. Mein Sohn versuchte ihn in der Schule gegen das halbe holländische Team einzutauschen (alle doppelt). Aber obwohl England kein gutes Team war und Cole kein besonders guter oder beliebter Spieler, war das nicht genug. Einer hätte Cole raus gerückt – für Einen Euro Zwanzig, damit er sich zwei neue Tütchen kaufen konnte. Nun sind Fussballbildchen keine Kunstwerke. Alle haben zunächst einmal den gleichen Preis. Ihr Tauschwert ist davon irgendwann aber völlig unabhängig. Es geht nur noch um die Trüffeljagd. Was glauben Sie, wann ich das letzte Mal in das vollständige Sammelalbum geschaut habe?
Glauben Sie, dass Munchs „der Schrei“ einfach irgendwo im Wohnzimmer herum hängt? Sind 90 Millionen Euro ein realistischer Wert für das Gemälde oder nur der geringfügig überhöhte Preis für eine besonders seltene Handelsware? Möchte wer ein paar Robben-Bildchen geschenkt haben?

Nachtrag:
Heute steht in der Zeitung, dass der so teuer ersteigerte „Schrei“ demnächst im MoMA ausgestellt werden soll.