Reviere

Früher, in diesen alten IC-Zügen der Bahn, als es im Bahnhof noch Pipiverbot gab, hatten die Kloschüsseln diese Klappen, die auf Knopfdruck nach unten aufschwangen und das frisch von einem Gegebene auf dem unter der Öffnung vorbei zischenden Gleisbett – nun – verklappte. Der Knopf war ein mit Gummi verkleideter Knubbel auf dem Boden, „Reviere“ weiterlesen

AufBruchStellen

ein Internet-Literaturprojekt

Das Internet ist ein Ort, der für vieles steht. Zumeist für nichts Gutes. Pulp-Medien, Abzocke, Porno. Verschwörungstheorien, Fanatismus und Social Media, die eigentlich genau das Gegenteil sind.

So mag es wundern, dass in einem Forum eine Nicht-Gemeinschaft von Schriftstellern aller Couleur – Schüler, Hobbyisten, Profis – im Rahmen eines Wettbewerbs, der vorschreibt, in 10.000 Zeichen einen anspruchsvollen Text zu verfassen, tatsächlich Literatur entsteht.

Noch mehr wundert es, dass sich ein Verlag findet, der die Texte in klassischer Buchform veröffentlicht.

Da ich an dem Projekt als Autor beteiligt bin, will ich gar nicht groß lobhudeln.

Lesen sie selbst. Hier geht’s zum Buch. Oder hier.

Kulin, Katja & Kroos, Christian (Hrsg.): AufBruchStellen, Universitätsverlag Brockmeyer, ISBN-10: 3819609881

 

Blutsee

Sie stand barfuss in einem See aus Blut. Es klebte und fühlte sich an wie warmer Schlamm wenn sie einen Fuss hob. Also blieb sie einfach stehen. Er lag am Boden, seltsam verkrümmt und versuchte, mit dem verbliebenen Arm seine Eingeweide fest zu halten. Sie schüttelte den Kopf. Das war nutzlos, sinnlos, überhaupt hatte er es nicht besser verdient, der Idiot. Sie blickte herab. Sein linker Arm lag direkt vor ihr. Sie wollte ihn aufheben und weg räumen, aber das Ding war voller Blut. Jetzt bemerkte sie, dass sie selbst auch vollgespritzt war. Er röchelte, wollte etwas sagen, doch Hals und Kiefer waren zerfetzt, aufgeschnitten. Ob sie wohl den Notarzt rufen sollte? Sie würde es tun. Wenn sie sich nur überwinden könnte durch die klebrige Matsche zu stapfen. Andererseits würde das ganze Blut doch sicherlich trocknen und dann vielleicht nicht mehr so kleben. Der Rettungswagen würde ohnehin zu spät kommen. Die Nachbarn hatten letzte Woche 35 Minuten warten müssen. Da fiel ihr ein, dass sie das Telefon ja noch in der Hand hielt. Deswegen war sie ja auch heraus gekommen. Der Anruf war für ihn gewesen. Die Arbeit. Ganz wichtig, wie immer. Wie er gerannt kam. Nur hätte er lieber die Kettensäge beiseite legen sollen. Dann wäre er nicht gestolpert. Sie legte auf. Dann wählte sie 112.

Peter und die Ameisen

von Peter Städtler

Abflugrampe
Es ist jetzt ein gutes Jahr her, seit ich hier in mein kleines Zimmer mit offener Küchenzeile und winzigem, durch eine Tür getrenntem Bad eingezogen bin. Es hängt wie ein kleines Schwalbennest an einem älteren Haus an einem Hang nahe dem Wald. Meine Fenster liegen in Höhe der Baumkronen, die mir im heißen Sommer wohltuend Schatten spenden.

Ich fühle mich hier recht wohl, auch wenn ich immer wieder Besuch von hier am Wald und in den Baumwipfeln lebenden Mitbewohnern bekomme.
So konnte ich letzten Sommer den regen Flugverkehr in der Einflugschneise eines Hornissennestes im Dachstuhl über mir, die direkt an meinem Balkon vorbei führte, sehr ausgiebig studieren. „Peter und die Ameisen“ weiterlesen

Hinter dem Schleier

von Holger Schubert

Nicht im klaren Tageslicht
in der Dämmerung dunkler Ecken
finden die großen Dinge statt,
die Menschenleben verändern.

Zuerst nicht in einem Gesicht
werden Erkenntnisse sich verstecken,
die schließlich, ältlich und matt
trübe Augen berändern.

In den Tiefen eines Geistes,
wo Sinn und Wahn sich nicht scheiden,
in den Abgründen eines Gehirnes,
jenseits von Gutem und Bösem

Da wächst und waltet ein feistes
Untier nach Geben und Leiden,
wird hungrig in wilder Verwirrnis
des Erlebten Verknotungen lösen.

Spät erst, nach endlosem Ringen,
nach traurigem Hader und Streiten,
nach bösen Verstandes Scherzen
und wütenden Zweifels Reigen

Wird dieses Tier sich auswringen
und seltsame Wege beschreiten,
um endlich in grausamen Schmerzen
die neue Gestalt anzuzeigen.

Mal kurz innehalten…III

Wenn die Bedeutung des geschriebenen Wortes schon nicht festgelegt ist – von gesprochener Sprache ganz zu schweigen – wie steht es dann erst um das Bild? Es steht als Symbol von etwas, das nicht in Sprache gefasst die Eindrücke des Künstlers wieder zu geben sucht, dabei zugleich komplexer, vielschichtiger und banaler, höhere Hirnfunktionen des Betrachters umgehend zunächst unmittelbar tiefer liegende, wissendere emotionale Schichten anspricht, bevor diese sich im Neocortex der gefühlten Rationalität Gehör verschaffen können.

Was aber, wenn Sprache selbst zum Bild wird? Im Zweifelsfall nochmal zurück blättern zu den ersten beiden Beiträgen unter dieser Überschrift!

Mal kurz innehalten…II

Was bedeutet ein Wort? Wo entsteht seine Bedeutung? Und wie kann man sie ohne Stimme betonen, variieren, brechen? Herbert hat daran gearbeitet…

Mal kurz innehalten und drüber nachdenken

Ich kann mich an Schulstunden erinnern, in denen wir – damals in den Achtzigern, als es noch 13 Schuljahre gab und nicht von der Grundschule an alles immer mit dem (zweifelhaften) Segen der Eltern auf Leistung getrimmt war, als man noch eine Vier schreiben konnte, ohne dass dem Lehrer mit dem Anwalt und einem selbst mit professioneller Nachhilfe gedroht wurde – Wörter aufgeschrieben, verdreht, gemalt haben, bis ihre Bedeutung im Schriftbild zu erkennen war, sie untergrub, parodierte oder verstärkte. In den Neunzigern beschäftigten sich Designstudenten mit dem Thema. Lang ist’s her.

Wahrscheinlich tun sie es heute immer noch und es hat einen schicken englischen Namen, ist von Marketingpsychologen genauestens analysiert und hat ein Copyright. Oder es ist unmodern und vergessen worden. Wer weiss.
Herbert hat ein paar Beispiele ausgegraben. Wir stellen sie hier vor.

WoArt

Ausstieg

eine Erklärung.

Eines Tages wurde H. verrückt.
Es war Herbst. Der erste kalte Regen. Der erste kalte Nordwind. Die Zeit wurde umgestellt auf Winterzeit, und dies schien H. zum Anlass zu nehmen, durchzudrehen; einfach so, ohne erkennbaren Grund. Es begann damit, dass er sein Auto, ein noch nicht allzu altes Auto, zu Schrott fuhr. Dahin, wo er ginge, sagte er, brauche er keine Bequemlichkeit, kein Weltgift.
Ich fragte ihn, wohin er denn gehe.
Der neuen Sonne entgegen, antwortete er. Er wolle das Licht sehen, die Kraft spüren. Es sei Zeit für eine neue Zeit. „Ausstieg“ weiterlesen

Fragment 2: Frühling

Noch hat der Frühling nicht begonnen. Doch warten alle schon darauf. Hier ist ein kleiner Vorgeschmack.
Zu klein? Klicken!
Wenn die Vögel morgens wieder schreien, und Nebel träge durch die Täler schwebt; wenn Pflanzen sich auf Regen wieder freuen, und die Spinne ein neues Netz sich webt;
In unserer Welt gehen leise Worte schnell im Rauschen der Marktschreier unter, schnelle Bilder, hochfrequent getaktet, überreizen die Wahrnehmung – wir möchten hier ab und an eine kurze Unterbrechung einschalten.