Rückblicke

Ja, es ist wahr. Manche Sachen kann man einfach nicht mehr hören. Ich rede dabei nicht von dem Gesabbel im Unterschichtfernsehen. Ich rede vom Tagesgeschehen, dem wiederaufer- nein, -gestanden zu Guttenberg und seiner nicht enden wollenden Doktorarbeitsaffäre (gibt es wirklich nichts anderes an ihm zu mäkeln?), den hunderte scheinenden Jahresrückblicken im Fernsehen, die im Wahn, unbedingt der erste sein zu müssen, immer früher gesendet werden und bald, ähnlich wie Weihnachtsplätzchen Ende August die Supermärkte befallen, direkt nach den Sommerferien ausgestrahlt werden.

Die Themen sind wie immer entweder wohlbekannt und entsprechend abgedroschen oder völlig neu und unbekannt und sollten es auch bleiben. Ich muss nicht von Jauch über jeden deutschen Verkehrsunfall unterrichtet werden, bei dem mal keiner gestorben ist. Ich will nicht von Hape hören, ob der Stelzenmann zurück in die Öffentlichkeit will. Ja, Fukushima war schlimm und wir können von Glück reden, dass unsere Brüter und Castoren nicht allzu heftig geschüttelt werden. Aber will ich vor diesem Hintergrund alles über Oma Ernas entlaufenes Hündchen hören? Lasst mich in Frieden mit Eurer aufgesetzten Betroffenheit!

Da schau ich doch lieber den satirischen Beitrag meines Wahlheimatcomedians. Aber auch der wird es tun. Zumindest hat er es auf der öffentlichen Generalprobe getan (und dieser Beitrag sollte schon letzte Woche online gehen). Er wird von der Volkskrankheit des Jahres reden – Burnout! Und er wird Recht haben, indem er feststellt, dass nicht jeder, der gerade eine schlechte Phase hat, Burnout hat. Aber er wird auch sagen, dass jemand, der immer müde ist, vielleicht gar keinen Burnout hat, sondern einfach überfordert ist. Und damit wird er zeigen, dass auch er es nicht verstanden hat. Denn genau das ist das Problem des Burnout: Überforderung über einen zu langen Zeitraum. „Echter“ Burnout ist per Definition eine depressive Episode, aber das klingt dem Deutschen zu sehr nach Psychokram. Das findet er irgendwie suspekt. Das ist nicht schick. Das ist eine echte Krankheit, manchmal unheilbar, also unberechenbar. Also muss etwas salonfähiges her, etwas weltgewandtes, ein Anglizismus, denn die sind in deutschen Manageretagen seit Jahrzehnten immer ein Garant dafür, alte Hüte mit neuen Namen prima verkaufen zu können.

Depressive müssen den Zug nehmen. Ein Manager mit Burnout darf sich (in machen Branchen) outen. Sogar im DFB, dem letzten Wirtschaftszweig Deutschlands ohne Homosexuelle.

Zurück zur Überforderung: Ist die grassierende Überforderung wirklich so erstaunlich? Am Fließband ist man schon vor einigen Jahren darauf gekommen, dass nicht nur die Qualität der abgegebenen Arbeit bei zu hohen Akkordquoten auf Dauer eher leidet. Aber heute ist man weiter: das wird im Büro der Takt hoch geschraubt. Sicher gibt es immer noch Ebenen und Branchen in denen gearbeitet wird wie bei Stromberg, in vielen anderen Bereichen, nicht nur im mittleren und höheren Management hoch globalisierter Unternehmen, wird immer mehr Last auf immer weniger Schultern verteilt. Muss man sich dann wundern, wenn das eines Tages zuviel wird? Früher gab es das nicht? Früher hatten wir Vollbeschäftigung! Heute haben wir fast 5 Millionen Arbeitslose (Der Knick nach 2005 ist nicht etwa boomende Wirtschaft, sondern – bei nahezu gleich bleibend gemeldeten Stellen -an derEinführung von Hartz 4 und den Ein-Euro-Jobs). Die machen gar nix, jedenfalls nicht auf Steuerkarte. Ihre Arbeit wird aber von den anderen mit gemacht. Und wenn jetzt bei eon 6000 Stellen abgebaut werden, heisst das ja nicht unbedingt, dass weniger zu tun wäre als bisher. Es muss gespart werden. Und da in den letzten Jahren jeder andere Spartrick ausprobiert worden ist, kommt jetzt immer mehr das Personal dran. Nehmen Sie mal den Baumarkt um die Ecke. Ist der kleiner geworden? Ist das Angebot geschrumpft? Kommen weniger Kunden? Warum nur findet man dann niemanden mehr zwischen den Regalen, der einem weiter helfen kann? Weil die einem noch nie weiter helfen konnten? Nee, da ist niemand mehr. Die sind entweder alle arbeitslos oder in psychotherapeutischer Reha. Mein Nachbar sagt, da gibt es in Deutschland mehr Betten als im ganzen Rest der Welt. Entweder ist das wieder so eine Perversion unseres Gesundheitssystems, das eigentlich ein Krankheitssystem ist, oder wir wären besser mal – wie die Amerikaner – in den Siebzigern und Achtzigern schön zum Psychologen gerannt, statt darüber zu spotten. Dann ginge uns das heute bestimmt besser. Wir machen denen doch sonst so gerne alles nach. Aber auch das kann ich nicht mehr hören…