Warum ist immer ein Arzt an Bord? Aber nie ein Bademeister.

Über Ärzte, Bademeister und Notfallmedizin im Flugzeug

Früher waren Bademeister schmerbäuchige gealterte Gigolos, deren Aufgabe hauptsächlich daraus zu bestehen schien, am Becken entlang stolzierend den Mädchen auf den Hintern zu glotzen und die Rabauken im Nichtschwimmerbecken anzubrüllen. Sie konnten schon deshalb niemanden retten, der außer Reichweite ihres Bambusstängelchens in Seenot geriet, weil ihre Goldkettchen als das Gegenteil von Auftriebshilfe auch für zwei gereicht hätten. Heutzutage wachen smarte Sportstudenten beiderlei Geschlechts aufmerksam über die Schwimmerschar, können bei Fragen freundlich Hilfestellung leisten und sind ausgebildete Lebensretter. Würden sie noch Getränke servieren, wären sie die Flugbegleiter der öffentlichen Badeanstalten.
Obwohl – haben Sie schon einmal gesehen, dass im Schwimmbad jemand mit etwas größerem als einem Heftpflaster erstversorgt werden musste? Ich nicht. Und ich war früher oft schwimmen. Noch öfter war ich allerdings mit dem Flugzeug unterwegs. Und da habe ich schon einige Male erlebt, dass Passagiere und Crew ernsthaft medizinische Hilfe benötigten. „Warum ist immer ein Arzt an Bord? Aber nie ein Bademeister.“ weiterlesen

Was heißt hier sicher?

… müssen in der Konfliktzone zwischen Flugsicherheit und Produktivität die Organisation des Unternehmens und alle Managementprozesse, genau wie der Flugbetrieb selbst, fortwährend auf mögliche Risiken untersucht und diese auf ihren Einfluss auf die Flugsicherheit abgewägt werden.

Was ist eigentlich sicher? Und wie kann man Sicherheit erzeugen? Einfache Fragen, die das Leben ganz schön kompliziert machen können.

Mal ehrlich: schnallen Sie sich an? Immer? Und wie war das früher, als Sie noch ein Kind waren? Sind sie damals mit Fahrradhelm gefahren?
Wer heute mit dem Auto fährt, schnallt sich an. Die Zeit der Gurte, die unter Umständen gefährlicher sind als ihre Abwesenheit, ist seit Jahrzehnten vorbei. Außer ein paar Unverbesserlichen haben es heutzutage alle begriffen: Die Dinger retten Leben. Also schnallen wir uns an und haben damit das Unsrige zur Verkehrssicherheit getan. Essen, Rauchen, Trinken, Telefonieren, Streiten, all das hat dem Allgemeinverständnis nach wenig bis nichts mit Verkehrssicherheit zu tun. Bei Alkohol, Medikamenten und Müdigkeit sieht es kaum besser aus. Ganz schlimm wird es bei Gedankenlosigkeit und Rechthaberei. Was glauben Sie, wie oft »da hab ich nicht aufgepasst« oder »der hat mir die Vorfahrt genommen. Das hab ich dahinten schon kommen sehen.« Als (innere) Begründung für einen Totalschaden reichen muss. Stellen sie sich das mal in der Luftfahrt vor: Die letzten Worte des Piloten auf dem Stimmenrekorder »Das hab ich dahinten schon kommen sehen.« „Was heißt hier sicher?“ weiterlesen

Wieviel ist genug?

Wann hat ein Flugzeug ausreichend Tiger im Tank und wieso haben manche das nicht?

In der Formel 1 hat kann die Boxenstopp-Strategie den Sieg bringen oder kosten. Bei diesen engen Rennen macht es schon einen Unterschied ob man ein paar Liter Benzin mehr oder weniger mitnimmt. Bestenfalls gewinnt man die entscheidenden Sekunden weil der Wagen etwas leichter ist als der der Konkurrenz, schlimmstenfalls lässt man im Kiesbett ausrollen. Sicher, Sebastian Vettel wird bestimmt nicht fröhlich I‘m walking pfeifend mit dem Kanister in der Hand zur Boxengasse spazieren und ein wenig Sprit abholen. Deutlich gravierender wäre aber ein leerer Tank im Flugzeug. „Wieviel ist genug?“ weiterlesen

Dicke Luft

Wieso man im Flugzeug auch ohne Maske atmen kann und was es mit TCP auf sich hat

Es wird Winter. Vor zwei Wochen habe ich die Heizung wieder eingeschaltet, denn Wollsocken sind gemütlich, mit der Fließjacke beim Frühstück zu sitzen nicht. Dabei sind da draussen immerhin noch 8° Celsius. Plus. Ausserhalb einen Flugzeugs herrschen dagegen mit minus 55° Celsius wirklich eisige Verhältnisse.

Steampunk

Früher, in der guten alten Zeit der Doppeldecker reichte bei den damals üblichen Flughöhen (immer unterhalb der Wolken, im Zweifel so niedrig, dass man Strassenschilder lesen konnte und bei Regen gar nicht) noch eine gut gefütterte Lederjacke und eine Mütze. Heute muss schon eine ordentliche Heizung her. „Dicke Luft“ weiterlesen

Da ist ein Loch!

Parties finden nicht immer an der nächsten Autobahnraststätte statt. Das ist auch gut so, sonst wäre es schwierig zu Fuß nach Hause zu laufen ohne in die Nachrichten zu kommen. Dafür muss man bisweilen kilometerweit übers Land fahren, um zu der Wandererhütte oder dem Kleingartenvereinsheim zu gelangen. Und nicht immer stellt man nach 10 Minuten Feldweg fest, dass man lieber doch noch nicht links abgebogen wäre, 1,3km nur eine ungefähre Streckenangabe war, und man auch auf der schlimmsten Ansammlung von Schlaglöchern nicht 10 Minuten für 150m braucht. Schlaglöcher, das sind diese Dinger, die man immer so spät sieht, dass man gerade nicht mehr ausweichen kann. Sie überfordern regelmäßig die Federung von für die Straße gebauten Fahrzeugen, und es fühlt sich kurzzeitig so an, als stürze das Auto ins Nichts, bevor es abrupt wieder nach oben geht. „Da ist ein Loch!“ weiterlesen

Der böse Fisch

Vor ein paar Jahren im Urlaub waren wir am letzten Abend schön Essen. Es war ein toller Ausklang der Ferien bei leckeren Mahlzeiten in einem schönen Restaurant. Am nächsten Tag war die Heimfahrt geplant, am Tag darauf fingen Schule und Arbeit wieder an. Wir wollten abwechselnd fahren um nicht zu lange Pausen machen zu müssen. Leider war das Fischgericht meiner Frau unverträglich. Die Nacht war grauenvoll und am nächsten Tag war sie nicht in der Lage zu sitzen, geschweige denn, ein Auto zu bedienen. Die Heimfahrt gestaltete sich dementsprechend. Ich heizte ohne richtige Pause durch. Ein Tankstopp und ein, zwei Nothalts an Autobahnparkplätzen. Ich brauchte zwei Tage um mich von dem Trip zu erholen, meine Frau war fast eine Woche lang krank.
In dem immer noch spannenden Klassiker „Flug in Gefahr“ von 1964 werden während des Fluges beide Piloten krank, weil das Fischgericht an Bord verdorben ist. Der Flug droht in einer Katastrophe zu enden, weil der Autopilot zwar Höhe und Kurs halten aber nicht landen kann. Nur ein mitreisender Weltkriegspilot hat keinen Fisch gegessen und kann mit Hilfe von Anweisungen über Funk das Flugzeug landen.

Was da in beiden Fällen passiert ist, nennt man auf Fachchinesisch „incapacitaion of crewmember“.
In der Folge des Fernsehfilmes und zahlreicher Hollywoodstreifen, die immer wieder den gesundheitsbedingten Ausfall der Cockpitbesatzungen als Ursache für drohende Flugzeugkatastrophen zum Thema hatten, wurden die Fluglinien nicht müde zu betonen, dass so etwas bei ihnen nie passieren könne. Die Qualität des Essens sei garantiert, die beiden Piloten dürften niemals die gleiche Bordmahlzeit essen und das ganze Szenario sei ohnehin völlig absurd. Letzteres Argument ist gar nicht mal so schlecht, wenn man betrachtet, was in Hollywood alles herhalten musste um Flüge in Gefahr zu bringen: Immer wieder Lebensmittel, Blitzschlag, Schnee, Schlangen, Kleinflugzeuge, Terroristen, Komplizen von transportierten Gefangenen, Störungen des Raum-Zeit-Kontinuums. Da ist ganz schön viel abseitiger Kram bei. Andererseits ist einiges davon tatsächlich schon zur Bedrohung im Luftverkehr geworden. „Der böse Fisch“ weiterlesen

Peter und die Ameisen

von Peter Städtler

Abflugrampe
Es ist jetzt ein gutes Jahr her, seit ich hier in mein kleines Zimmer mit offener Küchenzeile und winzigem, durch eine Tür getrenntem Bad eingezogen bin. Es hängt wie ein kleines Schwalbennest an einem älteren Haus an einem Hang nahe dem Wald. Meine Fenster liegen in Höhe der Baumkronen, die mir im heißen Sommer wohltuend Schatten spenden.

Ich fühle mich hier recht wohl, auch wenn ich immer wieder Besuch von hier am Wald und in den Baumwipfeln lebenden Mitbewohnern bekomme.
So konnte ich letzten Sommer den regen Flugverkehr in der Einflugschneise eines Hornissennestes im Dachstuhl über mir, die direkt an meinem Balkon vorbei führte, sehr ausgiebig studieren. „Peter und die Ameisen“ weiterlesen

Hagel und Granaten

Heute Morgen war ich wieder dran, mit dem Hund raus zu gehen. Die Luft war angenehm sweatshirtkühl, doch konnte man schon ahnen wie warm es später werden würde. Der Himmel präsentierte sich von einem durchgehenden, nur vereinzelt von einem Kondensstreifen durchzogenen Blau. Ein Nachbar war mit seinem Sennenhund unterwegs und gemeinsam kamen wir zu dem Schluss, dass es nach dem vielen Regen und den Gewittern  Zeit ist für ein wenig schönes Wetter. Doch das Stichwort war schon gefallen.

„Was macht ihr eigentlich da oben, bei Gewitter und Blitzen?“, fragte er.“Nix“, sagte ich, „Weg bleiben.““Also fliegt ihr da einfach drüber?“, fragte er, und da die Hunde einträchtig über die Wiese rannten und sichtlich Spaß hatten, holte ich ein wenig aus.

Gewitter sind eins der wenigen für das Flugzeug selbst wirklich gefährlichen Phänomene da draussen. Das meiste Unbill beim Fliegen bedeutet kleinere oder größere Unbequemlichkeit bis hin zu Verletzungsgefahr und schwierige Managementaufgaben für die Piloten. Gewitter aber, vor allem eine ganze Bande davon, können ein Flugzeug einfach kaputt machen. „Hagel und Granaten“ weiterlesen

Regentage

Wer täte das nicht
Es regnet seit Tagen. Der Garten hat sich in einen Sumpf verwandelt. Die Wege, auf denen ich mit dem Hund raus gehe, sind matschig und ohne Gummisteifel nicht zu passieren. Im Haus braucht man den ganzen Tag Licht. Alles ist grau.

Normalerweise wäre ich spätestens heute zur Arbeit gegangen, hätte meinen Koffer gepackt, die Uniform angezogen und wäre los gefahren. Ich hätte meine Kollegen getroffen, wir hätten das „Büro“ klar gemacht und wären in die graue Suppe hinein gestartet. Das Wetterradar hätte uns an den dicksten Schauern vorbei geführt. Trotzdem würde es hin und wieder wackeln, würden wir zum Schutz der Triebwerke Anti-Ice einschalten müssen. Doch dann, plötzlich, würden wir nach oben aus der Wolkendecke heraus brechen und ich würde mich wieder darüber wundern, dass das nicht von einem einprägsamen Geräusch, einem Tusch oder einem Klang wie bei der THX Demo begleitet würde. Der Himmel wäre plötzlich klar und von einem Blau, das man am Boden niemals zu Gesicht kriegt. Ich würde die Flugzeugnase leicht absenken um möglichst dicht über den Wolken zu beschleunigen, vielleicht durch ein paar dünne Fetzen hindurch zu schießen. Wir würden die Augen zusammenkneifen und einen Moment lang das Licht, die plötzlich zunehmende Wärme auf den Wangen spüren wollen, bevor wir die Sonnenblenden ausrichten, in unseren Taschen nach den Sonennbrillen kramen und die Rückenlehnen eine Raste nach hinten klappen würden. Ich würde in mich hinein lächeln in dem Bewusstsein, dass dies einer der Momente ist, für die ich meinen Beruf liebe.