Totgeburten und alte Bekannte

Ein Rundgang über die ILA bringt interessante Einblicke in das bewegte Leben von Morgen.

Der moderne Mensch bewegt sich gerne, viel und schnell. Solange er dabei sitzen kann. Für kurze Strecken benutzt er das Auto. Wenn es weiter weg gehen soll – und das soll es – muss es das Flugzeug sein. Immer mehr Menschen wollen immer weiter weg. Wo es noch vor wenigen Jahren Nordsee und Schwarzwald als Urlaubsziele getan haben, sollen es jetzt bitte Hobbingen, Neuseeland, und Brasilien sein. Zum Shoppen fährt man nicht mehr in die Innenstadt, sondern nach London, New York oder Tokio. Nicht, dass es in Paderborn nicht die gleichen Handelsketten gäbe, aber der Bericht aus der großen weiten Welt hat einfach mehr Stil.

Die Transportindustrie stellt die zunehmende Masse an Beförderungswilligen vor große Herausforderungen. Die Sitzplatzkapazität ist begrenzt, seit der Einführung des Jumbo-Jets in den Siebzigern (747-100, max. 550 Plätze) ist sie bis heute (747-8, max. 605 Plätze) nur durch den A380-Sprung deutlich angestiegen (max. 850). Der Mengenzuwachs konnte nur durch immer mehr Flugzeuge aufgefangen werden. Aber es wird schon wieder eng. Flughäfen können, gerade in Ballungszentren, nicht beliebig erweitert werden.

Einmal Weltall und zurück
Einmal Weltall und zurück

Auf der anderen Seite streben die Menschen nach immer weiteren Zielen. Umsteigen wird dabei nur ungern in Kauf genommen. Und auch, wenn konventionelle Flugzeuge inzwischen nonstop von Singapur nach New York fliegen, scheinen hier gleich zwei Grenzen erreicht. Zum einen die Grenze der Reichweite konventioneller Flugzeuge. Zum anderen die der Leidensfähigkeit der Passagiere. 18 Stunden bei gerade so erträglicher Luftqualität in einer schmalen Röhre eingesperrt zu sein, ohne die Möglichkeit, sich die Füße zu vertreten, ist nicht jedermanns Sache.

Es müssen also neue Konzepte her. Die DLR hat also zwei alte Bekannte zu Forschungszwecken wiederbelebt: Den Nurflügler und das Sänger II-Projekt. Beide geisterten vor Jahren schon durch die Designbüros der Flugzeugvisionäre. Heute heißen sie Blended Wing Body und Spaceliner.

Letzterer sieht extrem schnittig aus und soll Reisen von New York nach Sydney in ca. vier Stunden ermöglichen. Dazu wird eine moderne Space-Shuttle-Version von einer Trägerrakete Huckepack bis in 80 km Höhe befördert und segelt dann aus dem Weltall zurück zur Erde Dabei wird eine maximale Geschwindigkeit von 25.000km/h erreicht. Das Trägersystem soll automatisiert zum Abflugsort zurückfinden. Das vom Sänger II-Projekt bekannte Hüpfen auf der Stratosphäre wurde zugunsten einer größeren Flughöhe, geringerer dimensionierter Hitzeschilder und komfortablerer Reise aufgegeben. Der Weltraumtrip soll für den Gegenwert heutiger 20.000€ zu haben sein, nur wenig mehr als ein First Class Ticket.

Näher liegt der Blended Wing Body, ein über 80 Meter breiter Flügel, der mehr als 1000 Passagieren Platz bieten soll. Drei mächtige Triebwerke sind auf Ständern über der Hinterkante angebracht. So schirmt der Rumpf den Lärm zum Boden hin ab. Strömungstechnische Probleme (Grenzschichtabsaugung, Einströmverhalten am Triebwerk bei hohen Anstellwinkeln) seien in den Griff zu bekommen. In zwei Jahren wolle man in den Windkanal, 2050 sei als Markteinführung realistisch. Wenn denn diesmal aus dem Traum Wirklichkeit werden soll.

Runter kamen bisher alle. Dieser auch?
Runter kamen bisher alle. Dieser auch?

Das halte ich für realistischer als die Idee, Flugzeuge ohne Fahrwerk, die von Bodentransportsystemen aus ganz prima starten können. Ich fand am Stand des Technologieunternehmens leider niemanden, der mir die Landung erklären wollte.

Schwanz ab, Turbine dran.
Schwanz ab, Turbine dran.

Ein weiterer alter Bekannter kommt möglicherweise auch wieder: Das Hecktriebwerk. Mit der Boeing 727 verschwunden und in der MD-11 nur noch selten zu sehen, planen Entwickler, das hintere Rumpfende in eine Turbine umzubauen und so etwa 10% Treibstoff einzusparen. Bei steigenden Rohstoffkosten könnte das bald eine realistische Alternative werden.

 

Ein Freund, der Geschichten erzählt wie Thees Uhlmann

Es gibt solche Novembertage, an denen der Himmel nie blau wird. Selbst wenn die neue Photovoltaikanlage ein paar Kilowattstunden ins öffentliche Netz liefert und die Gardine vor dem Computermonitor zugezogen bleibt, verliert sich der Blick nach oben in weißem Gleißen. Wären die letzten Zugvögel nicht schon längst südlich der Alpen, würden sie sich glatt verfliegen.
Solche Tage sind es, da wünscht man sich einen Freund. Einen, mit dem man die Schultoilette beschmiert haben könnte. Einen, der Geschichten von früher so erzählt, dass man sie immer wieder hören will.
Stattdessen glotze ich auf mein nanowrimo-Projekt – hoffnungslos im Rückstand. Wenn ich weiter schreibe wie bisher, erreiche ich mein Ziel (50.000 Wörter) am 1. Januar, sagt meine Statistik.

An einem solchen Tag kommt meine Frau von der Arbeit nach Hause und lässt zwischen Farfalle mit Thunfischsosse und Gartenabteilung im Baumarkt nebenbei fallen, dass ihr Kollege heute Abend zum Thees Uhlmann Konzert geht.

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War das nicht der Sänger von tomte – der Band deren jeweils neue Platte ich immer wieder dann doch nicht gekauft habe, von denen ich aber alles, was ich bei tonspion finden konnte, runter geladen habe? Der Typ, dessen Refrains kleben bleiben wie Karamell an den Zähnen. Noch stundenlang süß und man muss mit der Zunge porkeln. Um sie nochmal richtig zu schmecken und um sie vor dem Abendessen los zu werden.
Das Internet sagt, es gibt noch Karten. Ich rufe einen Freund an. Bei dem hängt Uhlmann, lässig mit der Gitarre posierend, schon seit Monaten an der Pinnwand. Nicht so ein oller Altpapieranwärter wie mein spontanes Ticket-to-Print.

Die Sonne kommt doch nochmal raus, kurz bevor sie fett wie eine reife Orange hinter den abgeernteten Feldern verglüht.

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Dann ist es soweit. Meine Glückssträhne mit guten Vorbands hat gehalten und im Dunkel gibt eine Gitarre den Takt für das erste Lied vor.
Dann steht da ein Kerl auf der Bühne im E-Werk, die erste Pose Peter Kraus mit Hüftspeck und LWS-Blockade. Wir wippen auf und ab, neben uns ergraute Luftstreichler und Mädchen, die Auf-den-Fingern-pfeifen üben. Es gibt Geschichten zwischen Bukowski auf Rosenwasser und Einserschüler auf Whiskey-Cola. Der Rest ist Wehmut, laut und rockiger als erwartet (was gut ist) und selbst die unbekannten Lieder klingen wie Erinnerungen.

Auf dem Heimweg liegt Nebel in den Niederungen, und ein Dreiviertelmond badet die Höhen in silbrigem Licht. Die Familie schläft und ich schleiche mich in mein Bett. Meine Zunge porkelt noch ein bisschen an den Refrains herum.
Morgen wartet meine Wahrheit in 17 Worten: Ich hab zwei Kinder zu begleiten, ein Buch zu schreiben und eine Liebe zu pflegen – mehr nicht.

Und ja. Ich wünsch mir einen Freund, der Geschichten erzählt wie Thees Uhlmann.

Warum ist immer ein Arzt an Bord? Aber nie ein Bademeister.

Über Ärzte, Bademeister und Notfallmedizin im Flugzeug

Früher waren Bademeister schmerbäuchige gealterte Gigolos, deren Aufgabe hauptsächlich daraus zu bestehen schien, am Becken entlang stolzierend den Mädchen auf den Hintern zu glotzen und die Rabauken im Nichtschwimmerbecken anzubrüllen. Sie konnten schon deshalb niemanden retten, der außer Reichweite ihres Bambusstängelchens in Seenot geriet, weil ihre Goldkettchen als das Gegenteil von Auftriebshilfe auch für zwei gereicht hätten. Heutzutage wachen smarte Sportstudenten beiderlei Geschlechts aufmerksam über die Schwimmerschar, können bei Fragen freundlich Hilfestellung leisten und sind ausgebildete Lebensretter. Würden sie noch Getränke servieren, wären sie die Flugbegleiter der öffentlichen Badeanstalten.
Obwohl – haben Sie schon einmal gesehen, dass im Schwimmbad jemand mit etwas größerem als einem Heftpflaster erstversorgt werden musste? Ich nicht. Und ich war früher oft schwimmen. Noch öfter war ich allerdings mit dem Flugzeug unterwegs. Und da habe ich schon einige Male erlebt, dass Passagiere und Crew ernsthaft medizinische Hilfe benötigten. „Warum ist immer ein Arzt an Bord? Aber nie ein Bademeister.“ weiterlesen