Das ist doch kein Geld

Your Income might be too low to cover your training costs

Die Lufthansa hat am 30.5.2016 den zukünftigen Fahrplan für ihre Pilotenausbildung bekannt gegeben. Es fielen Zahlen (ca. 100.000 € Kostenbeteiligung, was ungefähr dem entspricht, was an anderen Flugschulen auch aufgebracht werden muss) und sofort geht die leidige Neiddebatte wieder los. Für alle Experten, Neidhammel und Meinungsstarken da draußen gibt es hier ein paar zusätzliche Gedanken.

Nur eine Fahrschule

Es ist im Zusammenhang mit Piloten zwar immer von Ausbildung die Rede. Das trifft aber nicht zu. Es ist eine Schulung (die nicht zu einem anerkannten Beruf oder Abschluss führt und am ehesten mit einer Fahrschule zu vergleichen ist, wenn auch für ein sehr exklusives Gefährt) und genau wie alle anderen Schüler beziehen Flugschüler weder Gehalt noch Ausbildungsvergütung oder ähnliches.

Da die Pilotenschulung (es geht hier um die 2 Jahre dauernde Schulung in einem Rutsch) nur an wenigen Ausbildungszentren in Deutschland angeboten wird, fallen – wie bei allen auswärts Studierenden – zusätzlich Miet- und Lebenshaltungskosten an, die etwas höher sind als bei denjenigen, die sich während der Ausbildung von Mama bekochen und das Zimmer aufräumen lassen.

Lügenpresse

So sehr die „Lügenpresse“ auch gescholten wird – bei einer Sache wird ihr blind vertraut: den angeblichen Pilotengehältern. Die stimmen allerdings nur selten. Denn sie basieren auf Modellrechungen, die den Journalisten auf Informationsveranstaltungen der Unternehmen während Tarifauseinandersetzungen präsentiert werden. Jetzt dürfen sie raten, ob die eher zu hoch oder zu tief angesetzt sind. Wenn ich die kolportierten mehr als 200.000€ wirklich bekommen hätte, die ich laut Presse verdient haben soll, würde ich nicht in einer kleinen Doppelhaushälfte am Rande eines Ballungsgebietes wohnen und würde ein Auto fahren, das Spaß macht. Aber wenn’s in der BILD steht, muss es ja stimmen. Mein Fehler. Ist mir wohl beim Zählen das ein oder andere Geldbündel unter den Tisch gefallen.

Das aktuelle Angebot an Jungpiloten für den Einstieg in den Lufthansa-Konzern lautet: geht zur Eurowings Europe. Der Verdienst dort liegt bei etwa 44.000€ im Jahr. Zulagen gibt es auch: 1,40€ Spesen pro Flugstunde, von denen es maximal 900 im Jahr gibt. Überstunden gibt es nicht, wohl aber eine Zulage für Flüge, die über die vorher vereinbarte Zahl von 281 hinaus gehen. 50€ pro Flug, egal wie lang, was bei dem Streckennetz zwischen 71 und 12 Euro Stundenlohn entspricht. Insgesamt könnten (bei guter Gesundheit und zahlreichen Einsätzen) etwa 50.000€ im Jahr herum kommen. Das ist gutes Geld, liegt irgendwo zwischen den schlimmsten Ausbeutern (25.000€) und dem was Lufthansa ihren First Officers normalerweise zahlt (70.000€), entspricht aber nicht dem, was man sich so landauf, landab unter Pilotengehältern vorstellt.

Zins und so

Die Ausbildungskosten können mittels Darlehen finanziert werden. Dieses Darlehen ist genauso wenig zinslos, wie die aufgelaufenen Schulden für Miete und Lebenshaltungskosten. Insgesamt werden es deutlich mehr als „nur“ 100.000€. Jeder, der mit einem ähnlichen Gehalt ähnliche Darlehen zu tilgen hat, weiß, dass das kein Zuckerschlecken ist.

Bisher wurden die Darlehen gestundet, solange Lufthansa keinen Personalbedarf hatte und die Flugschüler bis zu drei Jahre lang auf der Straße saßen. Das ist eine vereinfachende Metapher. Viele studieren in der Zeit oder nehmen Jobs in ihrem ursprünglichen Lehrberuf oder als ungelernte Aushilfen an. Das bringt genug Geld, um die Zeit bis zur Einstellung zu überbrücken. Dennoch soll es einige Privatinsolvenzen und Hartz 4-Karrieren geben.
Darlehensrückzahlung ist mit Aushilfsgehältern unmöglich. Sie reichen kaum, um die Zinsen zu zahlen, die nach einer Übergangsfrist anfallen. Sollte sich die Stundungspraxis ändern, wäre das finanzielle Risiko für Flugschüler unkalkulierbar, denn die Personalplanung der Flugbetriebe ist sehr volatil. Fluggesellschaften werden gegründet und wieder eingestampft. Hunderte Piloten, die nicht das Glück hatten, den Weg mit Lufthansa gehen zu können kennen das nur zu gut.

Unklar ist ebenso die Frage, was mit den Darlehen geschieht, wenn junge Piloten fluguntauglich werden. Das ist nicht selten.

Das Problem ist allgegenwärtig

Natürlich sind das keine Probleme, die nur die „armen“ Piloten betreffen. Keineswegs. Überschuldung, Verlagerung von Ausbildungskosten auf abhängige Angestellte, ein volatiler Arbeitsmarkt mit starkem Druck in prekäre Arbeitsverhältnisse sind allgegenwärtig und zeigen eine deutliche Abkehr der Wirtschaft von ethischen Grundwerten.
Nur wird von Piloten ein gewisses Streben nach Sicherheit erwartet, die Fähigkeit Risiken zu bewerten und die mentale Stärke, im Zweifelsfalle den Anflug abzubrechen und zum sicheren Ausweichflughafen zu fliegen. Sagt das etwas über zukünftige Bewerber aus?

Anders betrachtet: Sähen sie gerne jemanden am Steuer ihres Urlaubsfluges, der unkalkulierbare (finanzielle) Risiken eingeht? Der so für die Idee Pilot zu sein brennt, dass er alle Risiken ignoriert und um jeden Preis da vorne sitzen will? Und was wäre er noch bereit zu tun? Lügen? Betrügen? Mord? Das ist aber weit hergeholt? Wie war das im März 2015?

Woanders

In den USA (denen wir mit ein wenig Abstand alles nachmachen) ist es mittlerweile soweit, dass die Fluggesellschaften die Pilotengehälter wieder erhöhen, weil es zuletzt zu wenige Menschen gab, die für die angebotene Bezahlung diesen anspruchsvollen und anstrengenden (aber auch wunderbaren) Beruf ausüben wollten. Derzeit müssen die Bewerber um Arbeitsplätze bei Carriern mit großen Jets mindestens 1500 Flugstunden vorweisen. Genau diese Bewerber fehlen.

Schubert

Autor: Schubert

blickt schon aus beruflichen Gründen aus einer ungewöhnlichen Perspektive und mit einer gewissen Distanz auf die vorbei ziehende Welt.

2 Gedanken zu „Das ist doch kein Geld“

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