Berlin, leer

Leere ist ja immer relativ. Das merkt man spätestens dann, wenn in einer Stadt voller Menschen, einer Bar, einem voll besetzten Stadion  ein einziger, ganz bestimmter Mensch fehlt. Natürlich bietet das auch Möglichleiten. Raum für einen Spaziergang mit The Smiths, zum Beispiel, am Landwehrkanal entlang. Vom Zoologoschen Garten aus nach Osten. Soweit die Playlist reicht. In meinem Fall bis Kreuzberg.

Ich weiß nicht, ob es Morrisseys Stimme ist, die Texte, Johnny Marr’s Gitarrenspiel, das Wintergrau des Himmels, die Abwesenheit ungefähr aller Berliner (Adventsonntag, 12:30, da hat man anders zu tun), jedenfalls war das ein besonderer Trip. Vor zwanzig Jahren hätte unbedingt noch eine Runde über einen Friedhof dazugehört. Aber inzwischen kenne ich zuviele Tote, als dass ich daran noch Vergnügen finden könnte.

Ich habe keine Eier auf die CDU-Parteizentrale geworfen. Mangels Eiern und der damit implizierten Verpflichtung, auch noch bei den diversen roten, grünen und  neo-liberalen und -rechtspopulistischen Brutstätten vorbeizuschauen und sie ebenfalls mit Nikolausgaben zu bedenken. Die Stimmung aber war da und ich habe mittels gehässigem und bisher quasi ungelesenen Tweet ein Zeichen gesetzt. Eigentlich bin ich für so etwas zu alt, aber so wirft die Twittergeneration wohl virtuelle Farbbeutel an virtuelle Fassaden. Fühlt sich sehr einfach an. Ohne Rennen, Angst und Herzklopfen. Sehr unschuldig.

Man stelle sich das mal vor: Wir wählen Jahr für Jahr immer wieder die Vertreter, die wegen der Aufgabe der Aufgabe der Politik als Vermittler zwischen wirtschaftlichen und sozialen Interessen für die Nahostkrise maßgeblich verantwortlich sind und keine umsetzbare und ihre Politik nicht falsifizierende Lösung haben, weil die mit anderen Ideen wegen unsäglichen Schwachsinnspositionen in anderen zentralen Fragen unwählbar sind.

Da verstehe ich doch glatt mal die Türken und ihr Erdogan-Dilemma.

Mit ihrem Beharren auf längst widerlegten Positionen erinnern die Parteien eher an Gruppen von Verschwörungstheoretikern wie die Chemtrailisten denn an aufgeklärte Intellektuelle. Fakten werden geleugnet, Diskussionen auf Allgemeinplätze umgebogen, Kritik niedergepöbelt. Bloß keine belastbaren Aussagen machen, bloß keine Schwäche zeigen, bloß nicht von den Randgruppen der Wählerschaft distanzieren.

Bigmouth strikes again.

Dabei sollte ich eigentlich lernen. Die Qualifikation für eine Maschine erwerben, die ich niemals im wirklichen Leben bedienen werde. Außer die Piloten sterben und außer mir ist sonst keiner … Und die Cockpittür ist nicht verriegelt. Aber wie wahrscheinlich ist das schon?

Gehen Sie dieses Jahr auf den Weihnachtsmarkt oder bleiben sie aus Angst zuhause? Gehen sie ruhig. Die Gefahr, sich beim Adventsschmuckanbringen zu verletzen ist größer, als auf einem Weihnachtsmarkt von Betrunkenen verprügelt zu werden. Obwohl.

Ich glaub ich muss los. Die schielen schon nach meinem Tisch.

Schubert

Autor: Schubert

blickt schon aus beruflichen Gründen aus einer ungewöhnlichen Perspektive und mit einer gewissen Distanz auf die vorbei ziehende Welt.

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